Theater „Die Färbe“
 

 

... bedeutet professionelles Theater mit festem Haus, eigenem Ensemble und einem Spielplan mit eigenen Produktionen in Singen am Hohentwiel.
… bedeutet auch das Durchsetzen einer Idee von Theater jenseits ängstlich gepflegter, lang überholter und mehr oder weniger verlogener Konventionen, gleichwohl auch jenseits des Modediktats flüchtiger Trends und nicht minder verlogener Scheinrevolten.
… und heißt schließlich, dieser Idee, dieser Faszination, dieser Auffassung von Wahrheit treu zu bleiben, sie weiterzuentwickeln und dabei über Jahrzehnte ein aufgeschlossenes Publikum ständig neu zu überraschen und mit der eigenen Faszination zu begeistern.

Die Eröffnungspremiere von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ am 19. Oktober 1978 war der Versuch, trotz aller Unkenrufe den Beweis anzutreten, daß Theater an jedem Ort möglich ist, daß ernsthafte Theaterarbeit überall ihr Publikum findet, sei es in den Ballungszentren der Großstädte oder in der kulturellen „Diaspora“ eines ländlich strukturierten Raumes. Denn die Widerstände gegen dieses Vorhaben waren allseits groß und die Vorurteile unerbittlich: Singen als Arbeiter- und Industriestadt im provinziellen Grenzgebiet sei kein passender Standort für ein kulturelles Angebot außerhalb des Massengeschmacks. Das Projekt hingegen sollte glücken, ein anfängliches Experiment etablierte sich bald zur festen Institution, die das kulturelle Leben einer Region entscheidend mitprägt und zum Aushängeschild einer Stadt wurde, deren kleine Bühne Achtung und einen unangefochtenen Ruf in der deutschen Theaterlandschaft genießt. Einmal mehr wurde der Beweis erbracht, daß „Provinz“ zunächst dort existiert, wo sie zugelassen wird (nämlich im Kopf!) und daß Engstirnigkeit oder Toleranz keine Frage des geographischen Standorts sind. Eine künstlerische Tat dort zu erkennen, wo sie geschieht, erfordert Offenheit und Phantasie; sie umzusetzen, erfordert Mut und nicht zuletzt Vertrauen in die Überzeugungskraft der Idee selbst. 1979 gab Peter Simon den Stil für alle weiteren Inszenierungen und die gemeinsame Arbeit vor: Theater als „Verabredung unter Gleichgesinnten“, eine Verabredung, die auf Freiheit, Radikalität und Kompromißlosigkeit in künstlerischen Belangen beruht. „Warten auf Godot“ war programmatisch für einen Spielplan, der mit derselben Konsequenz entstand und der das Theater „Die Färbe“ bis heute auszeichnet. So steht auch die Inszenierung von Shakespeares „Othello“ 2001 zur Eröffnung der Basilika als zweiter Spielstätte in dieser Tradition. Das Theater als kreatives Refugium, dessen Ästhetik auch der Bildband „Das Theater in der Diaspora“ zum 25jährigen Bestehen des Theaters aus der Sicht des Theaterfotographen dokumentiert.

„... Ihr kleines Welttheater: der Spielplan enthält so viele Stücke, die ich gern habe! Wie gut, daß Sie den Mut haben, das, was Sie machen wollen, auch wirklich zu machen. Alle meinen guten Wünsche an Sie und Ihre Truppe!“schrieb der Dichter Tankred Dorst an Peter Simon.

In diesem Sinne erhofft sich das Theater vor allem den Zuspruch der Besucher und bedankt sich aufrichtig bei seinem wachen und ungewöhnlich offenen Publikum für seine Treue, Toleranz und ungebrochene Neugier!