25 Jahre Theater "Die Färbe"

... heißt ein Vierteljahrhundert professionelles Theater mit festem Haus, eigenem Ensemble und einem Spielplan mit Eigenproduktionen in Singen am Hohentwiel;

heißt auch das Durchsetzen einer Idee von Theater jenseits ängstlich gepflegter, lang überholter und mehr oder weniger verlogener Konventionen, gleichwohl auch jenseits des Modediktats, flüchtiger Trends und nicht minder verlogener Scheinrevolten;
und  heißt schließlich, dieser Idee, dieser Faszination, dieser Auffassung von Wahrheit treu zu bleiben, sie weiterzuentwickeln und dabei über 25 Jahre ein aufgeschlossenes Publikum ständig neu zu überraschen und von der eigenen Faszination zu begeistern.

Die Eröffnungspremiere von Samuel Becketts "Warten auf Godot" am 19. Oktober 1978 war der Versuch, allen Unkenrufen zum Trotz, den Beweis anzutreten, dass Theater an jedem Ort möglich ist, dass ernsthafte Theaterarbeit überall ihr Publikum findet, sei es in der Großstadt oder in der kulturellen "Diaspora" eines ländlich strukturierten Raumes.
Das Projekt war geglückt, ein anfängliches Experiment etablierte sich im Laufe der 25 Jahre zur festen Institution, die das kulturelle Leben einer Region entscheidend mitprägt und zum Aushängeschild einer Stadt wurde, deren kleine Bühne Achtung und einen unangefochtenen Ruf in der deutschen Theaterlandschaft genießt.

Einmal mehr wurde der Beweis erbracht, dass "Provinz" nur dort existiert, wo sie zugelassen wird, gewissermaßen im Kopf derer, die sich vom Glanz fremden Ruhmes abhängig machen.
Eine künstlerische Tat dort zu erkennen, wo sie geschieht, erfordert Offenheit und Phantasie; sie umzusetzen, erfordert Mut und nicht zuletzt Vertrauen in die Überzeugungskraft der Idee selbst.

1977 gab Peter Simon den Stil für alle weiteren Inszenierungen und die gemeinsame Arbeit vor: "Theater als Verabredung unter Gleichgesinnten", eine Verabredung, die auf Freiheit, Radikalität und Kompromisslosigkeit in künstlerischen Belangen berührt.
"Warten auf Godot" war programmatisch für einen Spielplan, der mit derselben Konsequenz entstand und das Theater "Die Färbe" bis heute auszeichnet. So steht auch die Inszenierung von Shakespeares "Othello" 2001 zur Eröffnung der Basilika als zweiter Spielstätte in dieser Tradition.

"... Ihr kleines Welttheater: der Spielplan enthält so viele Stücke, die ich gern habe! Wie gut, dass Sie den Mut haben, das, was Sie machen wollen, auch wirklich zu machen. Alle meinen guten Wünsche an Sie und Ihre Truppe!" schrieb der Dichter Tankred Dorst an Peter Simon.
In diesem Sinne erhofft sich das Theater vor allem den Zuspruch der Besucher, wenn im Herbst 2003 das neue Vierteljahrhundert beginnt und bedankt sich aufrichtig bei seinem wachen und ungewöhnlich offenen Publikum für seine Treue, Toleranz und ungebrochene Neugier!

Cornelia Hentschel,2003